Frau Antje, das Gemüse und die Frage: Wo kommt eigentlich unser Essen her?

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Es ist stickig. Das ist das erste, was mir auffällt. Es ist sticktig, die Luft ist CO2-geschwängert und um mich herum brummt es. “Das muss es also sein” denke ich mir “Hier kommt unser Gemüse her”. Ich stehe im Gewächshaus des Auberginenbauers Arjan van Onselen, mitten im holländischen Westland. 95.000 Auberginenpflanzen wachsen in seinem mehrere Hektar umfassenden Glasreich, vollkommen frei von Pestiziden und gentechnischen Veränderungen, unter dem Einsatz regenerativer Energien und einem ausgeklügelten Gleichgewicht von Schädlingen und Nützlingen. “Spritzen tun wir nicht, unser Ziel ist es in wenigen Jahren auch in der Europäischen Union unter dem Bio-Siegel verkaufen zu dürfen”, erzählt mir Arjans Bruder während wir auf einem hubwagenähnlichen Gefährt über die Auberginenplanzen schweben. Die Auberginen ranken an Schnüren, die von der Decke abgehängt sind in die Höhe. Alle zwei Wochen müssen sie einmal um diese Schnur herumgeschlagen werden, damit ihr Wachstum in gelenkten Bahnen läuft. Das alles passiert von Hand, keine Maschine könne mit den zarten Trieben der Pflanzen so schonend umgehen. Um die Bestäubung der Pflanzen kümmern sich Bienenstaaten, die von Imkern aus der Nachbarschaft gepflegt werden. Um die Schädlinge, die den Pflanzen und somit auch der Ernte nur das Schlechteste wollen, kümmern sich speziell auf die Bedürfnisse der Pflanze abgestimmte Nützlinge, kleine Mücken, Fliegen und Schlupfwespen, die beim Marktführer pflanzlicher und biologischer Systeme, der Firma Koppert, bestellt werden. Ich bin beeindruckt. Mit meinem heimischen Gemüseanbau im Garten hat das alles nichts mehr zu tun, von der romantisierten Vorstellung des landwirtschaftlichen Daseins ist das, was ich sehe, Lichtjahre entfernt. Aus dem Samen gezogen wird hier nichts mehr, die vorgezüchteten, etwa drei Monate alten Pflanzen, werden von Partnern gekauft, in Steinwolle oder Kokossubstrat gesetzt und dann mit einem speziellen Nährstoff-Cocktail bestehend aus Calzium, Kalium und Magnesium versorgt. Das notwendige Wasser stammt aus riesigen Regenwasser-Bassins, die das Landschaftsbild des Westlands, neben den kilometerlangen, scheinbar endlos aneinander gereihten Glasgewächshäusern, prägen. 50% der Ernte gehe nach Deutschland, so Arjan, der Rest werde in die gesamte Welt exportiert.

Sicher und Lecker Auberginen | chestnutandsage.de

Der deutsche Lebensmittelmarkt wird von den holländischen Gemüsebauern bestimmt. 75% der in Supermärkten angebotenen Gemüseprodukte stammen aus Holland, so Jochem Wolthuis, Geschäftsfuhrer der Duitsland Desk Agrofood, und doch sei der Ruf des holländischen Gemüses bei deutschen Konsumenten schlecht. Wer erinnert sich nicht an geschmacklose Tomaten, die auch gerne als “schnittfestes Wasser” bezeichnet wurden. Als ich das sage, lacht der sympathische Mittvierziger laut auf. Ja, daran könne er sich auch noch erinnern, aber, so Wolthouis, es habe sich doch viel verändert. Wo noch vor zwanzig Jahren eine geschmacksneutrale Standardtomate verkauft wurde, gebe es heute über 60 Sorten, unter denen der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und somit der Konsument wählen könne. Auch die Ernte habe sich verändert. Wo früher grüne Toamten geerntet und dann zu Versteigerungen geschickt wurden, werde heute eine reife Frucht geerntet, die dann bereits 24 Stunden später in den Regalen der Supermärkte gefunden werden könne. Der Weg über die Versteigerung, der sei in der Vergangenheit nämlich immer das Problem gewesen. Heute arbeiten LEH und Gemüsebauer Hand in Hand und so könne nicht nur besser auf die Bedürfnisse des Konsumtenen eingegangen werden, sondern auch die Qualität beständig erhöht werden. Und es stimmt: Während ich mich so durch die angebotenen Tomaten-Sorten in der Tomatoworld probiere, finde ich schnell meine geschmacklichen Favoriten: Mini-San-Marzano-Tomaten. Überhaupt: Mini. Auffällig ist die Vielzahl kleiner Tomatensorten, seien es nun Cherrytomaten, Datteltomaten oder eben meine kleinen roten Lieblinge, der Trend geht zum kleinen Gemüse, zur Snack-Tomate. Das bestätigt auch Jos van Mil, dem Erfinder der Tommy-Tomate. Das Wissen der Konsumenten über die Zubereitung von Lebensmitteln nehme immer weiter ab, darauf müssen auch Gemüsebauern reagieren, deshalb biete er eben vorwiegend kleine Tomaten an und mit einem verschmitzten Lächeln gesteht er, dass sich das auch finanziell lohne.

Sicher und Lecker Tomaten | chestnutandsage.de

Ein Kilogramm Tomatensamen kostet den Tomatenbauer ca. 70.000 Euro. Das reiche gerade so, um 5 Hektar Land zu bepflanzen. Diese 5 Hektar Gewächshaus möchten gegossen, beheizt und hygienisch rein gehalten werden, die Kosten für ein Kilo Gemüse sind dementsprechend hoch. Doch die findigen Gemüsebauern wissen sich zu helfen. 95% des Gießwassers stammt aus Regenwasser. Geheizt wird, wie bei Arjan und Jos, mit Hilfe eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage. Mit Gas betriebene Motoren erzeugen dabei Strom, der zum einen gespeichert und zum andern an niederländische Haushalte verkauft wird. Die enststehende Restwärme wird, genau so wie das entstehende CO2, direkt im Gewächshaus eingesetzt. Der Paprikaherstellers Zwingrow geht jedoch noch einen Schritt weiter: Mithilfe der 2012 erbauten Geothermie-Anlage versorgt Zwingrow sechs weitere Gemüsebauern mit Wärme und CO2, das zwar schädlich für unsere Atmosphäre, jedoch essentiell für das Wachstum des Gemüses ist. Und durch den konsequenten Verzicht auf Pestizide und gentechnisch veränderte Lebensmittel werde weiteres Geld gespart.

Den Bienen in Arjans Gewächshaus scheint das alles zu gefallen. Sie schwirren bei gleichbleibenden 26° Celsius von Blüte zu Blüte. Beim Verlassen des Gewächshauses sehe ich noch vier kleine Tomatenpflanzen, ebenfalls in Steinwolle gepflanzt und mit dem gleichen Nährstoffröhrchen versehen. Wozu die denn seien, frag ich Arjan, der lachend antwortet “Zum Eigenverbrauch”. Und so verlasse ich das holländische Westland mit dem guten Gefühl, dass die Gemüseindustrie hier zumindest weiss was sie tut.

Ich möchte mich für die Einladung zu dieser Bloggerreise herzlich bei Dederichs Reinecke & Partner bedanken. Die Reise wurde in Zusammenarbeit mit der EU-Initiative “Sicher ist lecker” durchgeführt. Die von der EU geförderte Kampagne ist auf drei Jahre angesetzt und informiert über Anbaumethoden und Qualitätssicherungsmaßnahmen des in europäischen Glasgewächshäusern angebauten Gemüses. Ziel ist es, das Vertrauen der Konsumenten in den Verzehr von frischem Gemüse wieder auf das Niveau vor der EHEC-Krise zu bringen. Teilgenommen haben an dieser Reise Petra von Foodfreak, Hendrick von Wurstsack, Steffen von der Berliner Speisemeisterei und Yvonne, die auf dem “Sicher ist lecker”-Blog schreibt. In den nächsten Tagen werde ich noch von der letzten Station dieser Reise berichten, dem Besuch bei Koppert Cress. Das war aber so irre, das glaubt mir ja keiner, deshalb gibt’s dazu einen separaten Blogpost.

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