The Most Instagramable Place on Earth

Was ich bisher auf Reisen gelernt habe, ist so simpel, dass ich kaum wage es zu formulieren. Menschen auf der ganzen Welt haben einen Alltag, den es zu meistern gilt. Und wir alle, die wir auf diesem Planeten leben, haben Menschen, die wir lieben und um die wir uns sorgen. Einem dieser Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und einen Einblick in den Alltag zu erhaschen, zu verstehen, welche Herausforderungen gemeistert werden müssen, das ist ein Privileg bei dem man nicht vergessen darf, dass es – trotz aller Gemeinsamkeiten – unglaubliche Unterschiede gibt hinsichtlich ökonomischer Verhältnisse und den daraus resultierenden Machtverhältnissen auf der Welt. Denn wir, die wir als Touristen (ja das sind wir) in ferne Länder reisen, sind wohlhabende Gäste, die zu oft auf Kosten von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen sich selbst finden wollen.

Sich selbst finden – à la Eat, Pray, Love

Wenn eine Reise dazu verkommt sich selbst finden zu wollen, was macht das aus dem Touristen und was aus dem Land, das besucht wird? Die Umgebung wird zur Kulisse, Menschen zu Statisten das Ich zum Zentrum der Welt, das es zu inszenieren gilt. Und zwar so, wie es der gerade aktuellen Ästhetik entspricht. Mit der Abwertung des Reiselands zur Kulisse geht einher, dass der Weg nicht mehr das Ziel ist, sondern das Foto. Denn allüberall auf den Selfie-Sticken, sieht man leuchtende Blitze sitzen. Diese Fotos sind es, anhand derer man sich versichern kann, da und dabei gewesen zu sein. Dabei steht hinter jedem Foto eine Schlange von „Travellern“, die ebenso erpicht darauf ist, das gleiche Bild mit identischer Pose vor atemberaubender Fototapete zu machen. Und wo nunmal kein See ist und die erwartete Spiegelung des Selbst im nicht vorhandenen Wasser ausbleibt (obwohl 30.000 Bilder doch nicht lügen können) wird einfach ein Spiegel unter die Linse geschoben – schon ist die instagramability sichergestellt. Wo es nicht dramatisch genug war wird schnell der passende Weichzeichner gewählt und dann ist alles nur noch eine Frage von Likes oder Nicht-Likes.

Bin ich Teil des Problems?

Auf jeden Fall. Denn ich reise in ferne Länder um dort in einem westlichen Standard zu leben und mich mit Menschen in einer mir verständlichen Sprache zu unterhalten. Ruhe erkaufe ich mir durch ein Upgrade in die nächst höhere Zimmerkategorie. Wenn das nicht reicht, darfs auch gerne ein bisschen mehr sein. Authentizität erlebe ich durch eine Radtour durch den Dschungel mit drei lokalen Guides. Ich produziere Bilder, die suggerieren, dass dieser Standard Teil meines glamourösen Lifestyles wären, während zu Hause die offenen Rechnungen von Zalando liegen. Denn es ist nur wenigen Vorbehalten „reich, schön, mächtig, rücksichtslos und kultiviert zu sein. Aber für zwei, drei Wochen dürfen es alle“ zumindest versuchen, schreibt Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Quarterly. Und doch gelingt Vielen nur zu beweisen, wie wenig Platz die gute Kinderstube im Hause ihrer Eltern eingenommen haben muss.

Was ich mir wünsche

Wer unterwegs ist, kommt als Gast und kann so vieles erleben, wenn er oder sie es denn zulässt. Das Erleben setzt aber voraus, dass wir keinem Foto hinterher reisen, sondern – und auch wenn es der Zeitgeist erfordert – Instagram vernachlässigen. Im vergangenen Urlaub auf Bali konnte ich mehrmals beobachten, wie enttäuscht viele TouristInnen waren, als sie entdeckten, dass der oft gesehene Instagram-Spot nicht dem erwarteten Bild entsprach sondern das Werk einer digitalen Photoshop-Nomadin gewesen sein muss. Und da standen sie dann, vor malerischer Kulisse, und konnten ihren von der angetroffenen Schönheit enttäuschten Augen nicht trauen. Das Unterwegs sein kann skurrile Züge annehmen. Dabei ist das, was da in einem Urlaub stattfindet, unser Leben und das Leben unserer Gastgeber. Und weder das Eine noch das Andere sollten wir zu Content degradieren. Sich selber wertschätzen und zu respektieren bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen Würde und der Würde Anderer. Das wäre etwas, das mir ein angemessenes Gastgeschenk scheint.

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