La Serenissima – ein Foodie-Guide für Venedig

Venedig Santa Maria della salute | chestnutandsage.de

Der Reiz einer Städtereise kann darin liegen herauszufinden, was neben den ausgetretenen Pfaden liegt, kennt doch scheinbar jeder die touristischen Highlights, die 1000 Orte, die man besucht haben muss bevor man stirbt, die Postkartenmotive. Mich reizt jedoch der Blick hinter die Kulissen, hinter die Fassaden, da muss es mehr geben, habe ich doch Erfahrung mit solchen Orten, verbrachte ich doch viele Jahre eingerahmt von Schwarzwälder Kirschtorte und größter Kuckucksuhr der Welt und nahezu museal im Schatten der Feuerzangenbowle und des Studentenkarzers. Ich weiß also, dass diese Ziele, über die viele gerne müde lächeln, reizvoll sind. Und diese reizvollen Ecken sind gar nicht so schwer zu finden, sie offenbaren sich im Gegensatz zur dunklen Seite des Mondes, charmant, blinzeln verführerisch zwischen Menschenströmen hervor, umgarnen, laden ein, heißen willkommen. Machen wir uns also auf Venedig zu erkunden, natürlich kulinarisch. Denn entdeckt man die Küche einer Stadt, eines Landes, lernt man die Menschen, die Kultur am besten kennen. Und das ist es ja, was ich beim Reisen möchte – das Herz bilden, das Herz weiten.

Wir kommen also mit der Bahn am Hauptbahnhof Venedig an, kaufen uns eine Tageskarte für das Vaporetto und steigen gleich in das erste Boot, dass den Canale Grande entlang fährt um nach nur wenigen Minuten an der Haltestelle Mercato di Rialto auszusteigen und mit einem kleinen Bummel über den täglich stattfindenden Markt ein erstes Gefühl für das Städtchen und seine Bewohner zu bekommen.

Mercato di Rialto
San Polo, Campo de la Pescaria, 30125 – Venezia

Mercato di Rialto | chestnutandsage.de

Hier werden nicht nur Obst, Gemüse, Gewürze angeboten, die neugotische Markthalle strotzt nur so vor Fisch und Meeresfrüchten, fangfrisch natürlich aus der Lagune. Der Markt ist nicht groß, passend für das kleine Städtchen. Nicht viele Touristen finden den Weg hierhin, lockt doch die strahlende Ponte di Rialto als Attraktion, die es auf dem straff gepackten Programm mancher Reisender als „gesehen“ abzuhaken gilt. Irrt man durch das enge Straßengeflecht wird es aber mit jedem Meter den man geht, ruhiger. Beschaulicher. Alltäglicher. Büroangestellte, die zur Arbeit eilen. Hausfrauen, die Einkäufe erledigen. Rentner, die ihre Hunde ausführen. Und dreht man sich um, lässt den Blick schweifen, steht man schon vor dem All’Arco, obwohl man noch gar nicht danach gesucht hatte.

Osteria All’ Arco
Sestiere San Polo, 436 30125 Venezia

All Arco Venedig | chestnutandsage.de

Das All’Arco hat schon früh geöffnet, werden hier doch kräftige Mahlzeiten für Fischer und Marktleute gleichermaßen angeboten. Cichetti gibt es zwar auch, aber die große Auswahl an gegrilltem Gemüse und aufgeschnittener Wurst lassen die Augen von Vegetariern und Omivoren gleichermaßen leuchten. Mit warmem, freundlichen Blick wird das noch eingerostete Italienisch angenommen, wird erklärt, welche Zutat wo verarbeitet wurde, wird geradebrecht, geschmunzelt und gelacht. Obwohl es noch nicht mal Mittag ist, genießen wir unser erstes Glas Aperol Spritz – ein wunderbarer Einstieg in den Tag.

Mit den ersten kleinen Happen gestärkt schlendern wir also weiter in Richtung San Marco. Auch hier empfiehlt es sich einen weiten Bogen um die Menschenmassen zu machen und sich wieder treiben zu lassen, mal nach links, mal nach rechts, vorbei an Santa Maria della Carità, Santa Maria della Salute, schlendernd zur Peggy-Guggenheim-Sammlung, Kanal auf, Kanal ab, die sonnige Uferpromenade flanierend nach Le Zattere blickend, den Reiseführer in der Tasche vergessend das Sestiere Dorsoduro erkunden. Und wie auch in Rialto wird es hier geschehen, dass ihr zufällig um die nächste Ecke blickt und dort die Cantina di Vini Già Schiavi findet.

Cantina Di Vini Già Schiavi
Fondamenta Nani, 992, 30123 Venezia

Cantine del Vino Già Schiavi | chestnutandsage.de

Die Cantina Di Vini Già Schiavi ist ein Familienbetrieb, dem die Besitzerin Alessandra und ihre zwei Söhne ein Gesicht verleihen. Hier treffen wir auf viele internationale Besucher, doch auch die Einheimischen lassen sich hier blicken. Besonders schön ist, dass gegenüber der Weinbar eine kleine Wiese ist, in der Lagunenstadt doch etwas Besonderes, auf der sich der Spritz und die cichetti mit Oliventapenade, Trüffeln, Walnüssen, getrockneten Tomaten und einer wunderbaren Käsevielfalt in der Sonne, die jetzt schon längere Schatten werfen lässt, genießen lassen. Der einzige Wermutstropfen ist, dass Essen und Trinken in Plastikgeschirr serviert werden.

Das Herz voll Leichtigkeit, die Füße schon etwas schwerer, machen wir uns jetzt weiter auf nach Canareggio um das das alte Ghetto zu erkunden und unseren Weg zu Al Timon, wo wir den Tag ausklingen lassen, zu finden. Und auch hier begrüßen uns im Wind flatternde Wäsche, ruhiger Alltag, prächtige Kirchen und die Synagoge. Kinder spielen auf dem Campo Ghetto Nuovo, die alten rauchen schweigend über den Trubel, Katzen streunen umher.

Al Timon
Sestiere Cannaregio, 2754 30121 Venezia

Al Timon Venedig | chestnutandsage.de

Wer durch Canareggio schlendert wird das Al Timon finden, auch ohne Karte, das vor der Bar vertäute Boot, auf dem sich Studenten, die Generation 30+ und Touristen gleichermaßen tummeln ist doch zu verlockend. Auf den Plätzen vor der Bar ist ein gemischtes Publikum anzutreffen aus Stammgästen, von klein bis groß, von jung bis alt. Kinder scheinen in dieser Umgebung prächtig zu gedeihen, werden sie doch schon liebevoll von grummelig dreinblickenden älteren Herren geherzt. Auch hier werden wir wieder freundlich begrüßt, Herr S. Italienischkenntnisse sind mittlerweile so aufgefrischt, dass er souverän chichetti und Spritz ordert. Auf dem Boot sitzend, leicht schaukelnd, scheint der Fluss der Zeit angehalten, lässt im Hier und Jetzt das Leben, das doch so gerne beschwerlich ist, genießen, zufrieden mit dem, was man hat. Hier lässt es sich blicken, das Glück, der eine Funke dazwischen, der eine Augenblick.

Ihr Lieben, ich hoffe, ich konnte Euch Venedig schmackhaft machen! Da Herr S. und ich nur einen Tagesausflug in die Lagunenstadt unternommen hatten, konnte ich nur eine Idee von dieser wunderbaren Stadt bekommen. Ein Ausflug, eine längere Reise, lohnt sich auf jeden Fall. Lasst den Reiseführer in der Tasche und nehmt den Rhythmus der Stadt an, lasst Euch treiben und entdeckt dieses charmante Fleckchen Erde.

Lasst es Euch gut gehen!
Julia

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16 comments on “La Serenissima – ein Foodie-Guide für Venedig

  1. Ylva
    8. Mai 2014 at 11:10

    “Lasst den Reiseführer in der Tasche…, lasst Euch treiben”. Wie wahr das ist, liebe Julia. Auch ich himmle diese verborgenen Winkel, diese “Geheimtipps”, das weniger touristische Massentreiben in den fremden Städten an. Man fährt ja auch nicht wegen dem Tourismus weg, sondern um das Fremde zu erleben. Das andere. Das Spannende. So erinnere mich gerne an den Besuch in Siena vor zwei Jahren. Während alle anderen den Schildern durch die voll gestopfte “Hauptstraße” zum Piazzo del Campo gefolgt sind, schlenderten wir hinten herum, durch die leer gefegten Gässchen mit all ihrem toskanischen Charme, und hatten am Schluss sogar noch den schönsten Ausblick: Leere Stufen hinunter zum Platz mit freier Aussicht direkt auf den Turm… ein Traum. Zudem noch ein Eis in der Nebengasse stibitzt… das leckerste, was wir je gegessen haben.
    Dein Bericht macht so Lust wieder nach Italien zu fahren, ohne Reiseführer aber mit offenem Herzen für Neues und natürlich viel Appetit ;) Lieben Dank für das Schwelgen!
    Ich drück Dich,
    Ylva

    • Julia
      8. Mai 2014 at 17:16

      Hu, wir waren vor zwei Jahren auch in Siena! Und da haben wir uns nicht gesehen? Klar, denn wir haben die Abzweigung aus der Masse einfach nicht gefunden und waren ständig mitten im Trubel was wirklich schade war, denn so haben wir gar nicht viel von dieser eigentlich schönen Stadt gesehen. Es gab nicht mal eine Kugel Eis für uns… ganz anders in Venedig, da konnten wir uns die Bäuche nicht voll genug schlagen was bei den vielen Kilometern, die wir durch die Gassen geschlendert sind auch gut brauchen konnten :)
      Viele liebe Grüße!
      Julia

  2. Ela
    8. Mai 2014 at 11:36

    Wow, wunderschöne Fotos und ein toller Bericht :) Da hätte ich auch Lust, mal wieder nach Venedig zu reisen…
    Liebe Grüße,
    Ela

    • Julia
      8. Mai 2014 at 17:14

      Ich auch, Ela, es war so ein schöner Ausflug, der leider viel zu kurz war denn wir waren ja nur für einen Tag in Venedig…. wir kommen aber definitiv wieder :)

  3. Theresa
    8. Mai 2014 at 13:04

    liebe Julia, herzlichen Dank fürs Entführen und Abtauchenlassen! Einfach großartig PUNKT Liebste Grüße! Theresa

    • Julia
      8. Mai 2014 at 17:12

      Liebe Theresa, ich freue mich riesig, dass Dir der kleine Ausflug gefällt <3 Ich wünschte, ich könnte Euch auf mehr solcher kleiner Abenteuer mitnehmen, aber die Urlaubstage schmelzen geradezu dahin... aber im Juni hab ich noch einen kleinen Ausflug geplant, der ist aber noch geheim ;)
      Liebe Grüße!
      Julia

  4. Sabrina
    8. Mai 2014 at 18:50

    Südtirol, Verona, Venedig … wann sollen wir das denn alles schaffen? Uaaah! Aber ob’s so gut ankommt, wenn man gleich in der ersten Arbeitswoche Urlaub beantragt? Egal, ich will da hin! Danke fürs Mitnehmen und die tollen Eindrücke!
    LG
    Sabrina

    • Julia
      10. Mai 2014 at 10:09

      Das schafft ihr in nur 7 Tagen! So haben wir das ja auch gemacht: Von MUC nach Südtirol seid ihr in 2 Stunden gefahren, dann nochmal 2 Stunden und ihr seid in Verona und dann noch so ein halbes Stündchen und voilà schon seid ihr in Venedig ;) Halte die ersten Wochen im neuen Job gut durch, bald ist die Probezeit vorbei und dann heißt es endlich wieder “Urlaub” ;)

  5. silvia
    8. Mai 2014 at 19:30

    Aahhhhh, endlich ist er da! Dein wunderbar-stimmungsvoller, von mir heiß ersehnter Beitrag. Danke dafür, Du Liebe! Wir sind ganz bald daaaaa!! Ja, ganze 5 Tage! Und ich freu mich jetzt grad noch ein bisserl mehr drauf (geht das überhaupt?). Mit dem ein oder anderen Tipp im Hinterkopf werden wir uns treiben lassen, die Stimmung, das Essen, die malerischen Ausblicke genießen! Hach!
    Danke, dass Du mir die Wartezeit versüßt!
    Liebe Grüße,
    silvia

    • Julia
      10. Mai 2014 at 10:15

      Fünf Tage Zeit zu haben ist natürlich Luxus! Genießt euren Urlaub! Und berichte wie es war – ich hoff ja sehr, dass es euch gefallen wird, die Lagune. Ich wäre ja noch gerne auf die umliegenden Inseln gefahren, aber wir hatten ja nur einen Tag, da beschränkt man sich darauf, die Atmosphäre einzufangen ;)
      Lasst es Euch gut gehen und kommt erholt zurück!
      Liebe Grüße!

  6. Julia
    9. Mai 2014 at 14:31

    Ich hatte eigentlich nicht gedacht, dass es in Venedig noch touristisch erträgliche Orte gibt. Du hast mich eines besseren belehrt. Bookmarked!

    • Julia
      10. Mai 2014 at 10:10

      Das freut mich aber, dass ich Dich überraschen konnte! In Venedig zählt eigentlich nur, dass man Menschenansammlungen meidet und in die genau entgegengesetzte Richtung läuft. Schon fühlt man sich wie der einzige Gast in der Stadt ;)

  7. Claudia ~ Food with a View
    9. Mai 2014 at 18:05

    Hach! Und nun ist auch noch Freitag, da könnte man doch so schön über’s Wochenende… Meine Venedig-Reiselust ist jedenfalls – wieder einmal – geweckt dank Deines schönen Berichts. Und diese Artischocken… Lieben Gruß!

    • Julia
      10. Mai 2014 at 10:12

      Wenn man überlegt, ob man könnte… sollte man eigentlich auch ;) Ich muss mir das auch wieder antrainieren die selbstauferlegte Verpflichtungen liegen zu lassen und, einfach nur weil man könnte, ans Meer zu fahren.
      Liebe Grüße!

  8. Roman
    8. August 2014 at 13:55

    Die Cantina Di Vini Già Schiavi ist ein absoluter Geheimtipp. Wir nennen das Lokal die 1-Euro Bar – weil jedes Brötchen und jedes Glas quasi 1 Euro kostet – und dann nimmt man sich das mit und isst es vor dem Lokal am Kanal und sieht dem bunten Treiben zu. Die Wiese vis-a-vis ist zwar auch nett – aber schon zu weit weg von der Action da – eher was für Leute, die sich ein wenig zurückziehen wollen. Schöner ist es direkt am Kanal und auf der Treppe und beobachtet die Boote die da anlegen – mal kommt die Feuerwehr (und holt sich entspannt ein Eis im Geschäft an der Ecke – auch super) – und natürlich die Venezianer mit Booten, die einfach vorbei fahren und sehen und gesehen werden wollen – da der Kanal aber kein Hauptkanal ist, ist es quasi das schöne Venedig von hinten! Hier sollte man unbedingt mal eintauchen und mehrmals Nachschub auf den Plastiktellern holen. LG R.

    • Julia
      10. August 2014 at 11:38

      1-Euro-Bar gefällt mir sehr gut, auch wenn es mich an die eher üblen 1-Euro-Shops in den Fußgängerzonen erinnert :) Mir hat besonders gut gefallen, dass sogar Gondolieri kurz anhielten, für sich und ihre Gäste ein paar Snacks einpackten, und dann weiter fuhren. Es war einfach eine herrliche Zeit in Venedig!
      Liebe Grüße!
      Julia

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