{Rezension} Die Reise des Wanderimkers

© Wolfgang Hummer

Was tut die Jungimkerin im Herbst, wenn sie sich nicht mehr um ihre Bienen kümmern muss? Sie bildet sich fort. Gelernt hat sie ja bereits durch leidvolle Erfahrung, dass die Bienen sich einfach nicht an das halten wollen, was in den Büchern steht. Was sie natürlich nicht davon abhält, weiter zu lesen. Bevorzugt Bücher, in denen sie mehr über die imkerliche Praxis lernt, über Krankheiten, die ausbrechen können, und das Wesen der Biene. Schwere Kost. Doch ab und zu, wenn die Jungimkerin genug hat von Fachbegriffen und der Biologie der Biene, da wendet sie sich den Menschen zu. Jenen, die es seit Jahren besser machen als sie, deren Leben das Summen und Brummen der Bienenstöcke ist: Den Wanderimkern. Nicht im wahren Leben, dazu ist die Jungimkerin viel zu introvertiert, sondern – wie sollte es anders sein – in Buchform. Denn sie hält das Buch „Die Reise des Wanderimkers – wie guter Honig zu seinem Geschmack kommt“ in den Händen, ein Buch voller Denkanstöße über Honig, seine Herkunft und die Welt der Imkerei.

Die Reise des Wanderimkers | © Wolfang Hummer
© Wolfgang Hummer

Von Menschen und Bienen

Die Reise des Lesers beginnt in Wien, auf 250 Metern über dem Meeresspiegel bei Hildegard Burgstaller, einer Dame, die in einem alten, wildgewachsenen Garten im Stadtteil Grienzing ihre Bienen stehen hat. Weiter geht es über Lafnitz ins Weinviertel und weiter in den Naturpark Raab, wo man sich auf einmal auf knapp 400 Metern über dem Meer befindet. Doch es müssen noch mehr Höhenmeter zurückgelegt werden: Vom Haslauer Moor geht es steil bergauf bis ins Oberinntal in den Alpen, wo Heinrich Gritsch vor atemberaubender Alpenkulisse imkert. Auf dieser Wanderung durch Österreich ist man zu Gast in den unterschiedlichen Imkereien und erfährt Wissenswertes über die jeweiligen landschaftlichen Besonderheiten und die regional typischen Trachtquellen.
Besonders gut gefallen mir an diesem Buch die sanft erzählten Portraits der unterschiedlichen ImkerInnen. Nina Wessely versteht es, die gar nicht so wortkargen Persönlichkeiten wohlwollend ins rechte Licht zu rücken: Thomas Murlasits wird von den Lesern zum Beispiel beim Verladen seiner Völker begleitet. Nachdem die Trachtzeit in der Au vorbei ist, werden seine Bienen in höher gelegenes Gelände gebracht, um dort die Waldtracht einsammeln zu können. Die Anspannung beim Transport der Bienen ist fast spürbar, die Anekdoten über heruntergefallene Beuten und ausgebüxten Bienen auflockernd und unterhaltend. Christian Johannides hingegen begleitet man bei einer Fahrt zu einem von mehreren hundert Völkern, die der gelernte Forstwirt betreut. Beim Blick über die Felder lernt man dabei einiges über die Problematik von neuen Sonnenblumenzüchtungen, die keine Fremdbestäubung brauchen, über Ertragsausfälle durch zu hohe Temperaturen und extreme Trockenheit. Im Familienbetrieb der Familie Gruber in der Oststeiermark hingegen, blickt der 86-jährige Josef Gruber auf seine Imkerlaufbahn zurück. Von den Anfängen mit zwei Völkern, über das erste Wachstum bis hin zu einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb erfährt man von den großen Umbrüchen, die in den letzten 60 Jahren stattgefunden haben. Gemeinsam haben alle acht Geschichten und Lebensentwürfe einen gewissen Eigensinn und natürlich eine brennende Leidenschaft für Honig und Bienen.
Doch nicht nur Land, Bienen und Leute stehen im Mittelpunkt dieses Buches, sondern auch das Hauptprodukt der Bienen, der Honig. Dabei gibt es nicht nur allerlei Wissenswertes über die historische Bedeutung des Honigs als Nahrungsmittel, Handelsmittel oder Back- und Süßungsmittel, sondern auch Kurioses über Honig als Rauschmittel. Selbstverständlich erfährt die Leserin auch, wie Honig überhaupt entsteht und geerntet wird. Besonders gut gefällt mir das Kapitel über die Sensorik des Honigs. Das Farbspektrum von milchweiß bis dunkelbernstein und die Beschreibung der Geruchsaromen sollte man am besten mit einem Honigbrot in der Hand lesen.

© Wolfgang Hummer

Fazit

„Die Reise des Wanderimkers“ ist ein wunderbares Buch für alle, die Interesse an Bienen, aber genug vom Überangebot trivialwissenschaftlicher Literatur haben. Gerade jetzt, wo die Tage kurz und kalt sind, ist es das Buch nach dem ich greife, wenn ich auf der Couch liege. Denn nicht nur die inneren Werte überzeugen, sondern auch die Äußerlichkeiten, was vor allem an Wolfgang Hummers Bildsprache und dem schönen, schweren Papier liegt.

„Die Reise des Wanderimkers“ von Nina Wessely, Johannes Gruber und Wolfgang Hummer ist 2017 im Löwenzahnverlag erschienen und kostet 29,99 Euro. Dieses Buch wurde mit freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das Copyright aller Bilder, die in diesem Blogpost gezeigt werden, liegt bei Wolfgang Hummer.

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6 comments on “{Rezension} Die Reise des Wanderimkers

  1. Lena
    27. November 2017 at 08:22

    Liebe Julia, mein Onkel ist schon immer Imker, mein Vater kann ohne Honig nicht leben, deshalb begleitet mich dieses Thema, auch wenn ich selbst gegen Propolis allergisch bin. Einmal Honigschnaps und schon lande ich in der Notaufnahme.
    Ich habe in letzter Zeit einige Bücher über Bienen gelesen. Über das gehypte von Mara Lunde (was mir nicht so zugesagt hat) über das kurzweilige von Sue Hubbell und auch Jack Mingo (fast schon zu speziell). Ich glaube die Reise des Wanderimkers wäre ein tolles Geschenk für meinen Vater.

    Liebe Grüße,
    Lena

    • Julia
      3. Dezember 2017 at 14:54

      Liebe Lena,
      das klingt ja nach einer Imker-Dynastie! Bleibt die Frage, wann Du einsteigst ;)
      Liebe Grüße
      Julia

      • Lena
        4. Dezember 2017 at 19:47

        Ich glaube nie, da ich ja wie gesagt durch ein wenige Propolis-Kontakt schon in der Notaufnahme lande und ein Stich auch nicht viel besser ausgeht. Ich lasse mich lieber von talentierten Jungimkern mit Honig versorgen :) (Wink mit dem Zaunpfahl)

        • Julia
          10. Dezember 2017 at 13:43

          Der Wink ist angekommen ;)

  2. Jenni
    28. November 2017 at 09:07

    Liebe Julia,

    das klingt nach einem sehr spannenden Buch.
    Wie du ja weißt, bin ich immer wieder auf der Suche nach interessanter Literatur über Bienen, um mich weiter einzulesen und mehr über diese faszinierenden Lebewesen zu lernen.
    Danke dir für diese Empfehlung – ich werde sie gleich auf meine Wunschliste packen.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Julia
      3. Dezember 2017 at 14:55

      Liebe Jenni,
      ich freue mich, wenn Dir das Buch zusagt! Allerdings stehen eher die Menschen im Vordergrund, was meiner Begeisterung allerdings keinen Abbruch tut :)
      Liebe Grüße
      Julia

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